Die Nachfrage nach Netzanschlüssen übersteigt vielerorts die verfügbaren Kapazitäten. Zur Lösung dieser Herausforderung hat die IHK/DIHK-Taskforce „Netzanschlüsse“ einige Vorschläge ausgearbeitet. In der Praxis zeigt sich nun, dass immer mehr Netzbetreiber diese aufgreifen, Priorisierungsverfahren einführen und die Politik hierfür einen rechtssicheren Rahmen schafft.
Während Anschlussbegehren bislang häufig nach dem Windhundprinzip („first come, first served“) vergeben werden, setzen immer mehr Netzbetreiber auf kriterienbasierte Verfahren. Aktuelle Beispiele sind die E.ON-Töchter Bayernwerk Netz, e.dis und SH Netz sowie Netze BW des baden-württembergischen EnBW-Konzerns. Diese Verteilnetzbetreiber führen für größere Bezugskunden kriterienbasierte Zuteilungsverfahren ein.
Netze BW zieht dabei die Kriterien Projektreife, Ortsgebundenheit und Frühzeitigkeit heran. Die Projektreife macht 50 Prozent der Bewertung aus; berücksichtigt werden unter anderem Flächensicherung, Genehmigungs- und Planungsstand. Die Ortsgebundenheit fließt mit 34 Prozent ein. Auch die frühzeitige Antragstellung bleibt relevant, ist aber nicht mehr allein ausschlaggebend. Das Verfahren gilt für Bezugskunden mit Anschlussbegehren über 950 kW in Mittel- und Hochspannung. Der erste Vergabeturnus beginnt am 1. November 2026.
Auch drei Verteilnetzbetreiber des E.ON-Konzerns werden in diesem Jahr ein kriterienbasiertes Zuteilungsverfahren testen. Für Bezugskunden mit einem Leistungsbedarf von mehr als 1.000 kW sowie Batteriespeicher mit mehr als 300 kW werden die Anträge künftig in halbjährlichen Zyklen gesammelt und anhand transparenter Kriterien priorisiert. Im Vergleich zu Netze BW hat der Zeitpunkt der Antragstellung innerhalb des jeweiligen Antragszeitraums dabei keinen Einfluss mehr auf die Zuteilung. Entscheidend sind vielmehr der Reifegrad des Projekts, eine effiziente Netznutzung, die Ortsgebundenheit sowie das Regionalszenario zur Erreichung der gesetzlich festgelegten klima- und energiepolitischen Ziele im Jahr 2045. Eine Realisierungskaution soll zudem sicherstellen, dass nur ernsthaft geplante Vorhaben Kapazitäten nachfragen. Das neue Antragsportal soll ab dem 12. Oktober 2026 zur Verfügung stehen. Die ersten Rückmeldungen zum Verfahren sind für den 15. März 2027 vorgesehen.
Damit finden sich zentrale Elemente wieder, die die DIHK bereits im Impulspapier „Zukunftssichere Netzanschlüsse“, das gemeinsam mit Vertretern der Taskforce „Netzanschlüsse“ zu Jahresbeginn erarbeitet wurde, gefordert hat. Dazu gehören insbesondere die Abkehr vom reinen Windhundprinzip, eine stärkere Orientierung am Reifegrad und der Verbindlichkeit von Projekten sowie transparente und nachvollziehbare Vergabekriterien. Einige dieser Punkte haben nun Eingang in die Praxis der Verteilnetzbetreiber gefunden. Zudem wurde im Referentenentwurf zum Netzanschlusspaket mit § 17b Abs. 2 EnWG ein Rechtsrahmen für eine gesetzliche Regelung zur Priorisierung skizziert, der nun im parlamentarischen Verfahren zu konkretisieren ist.
Aus der Perspektive der Wirtschaft braucht es dabei verbindliche und bundeseinheitliche Kriterien mit ausreichend Raum für regionale Besonderheiten. Einen Flickenteppich aus völlig unterschiedlichen Vergabeverfahren und Priorisierungskriterien beim Netzanschluss gilt es zukünftig zu vermeiden.
Auch weitere Netzbetreiber entwickeln ihre Verfahren weiter. Die Hamburger Energienetze stellen ihr Verfahren in der zweiten Jahreshälfte 2026 auf ein Repartierungsverfahren für Anschlüsse oberhalb von 1,5 MVA um, was etwas mehr als 1000 kW entspricht. Stromnetz Berlin setzt bereits seit Ende 2025 auf dieses Instrument, wobei das aktuelle Vergabeverfahren verschoben wurde und Anfragen erst oberhalb von 3,5 MVA betroffen sind. Repartierungsverfahren zur Vergabe von Netzanschlüssen sind in Großstädten keine Seltenheit und finden sich auch in Frankfurt am Main, Bremen oder Duisburg. Aus Perspektive der Wirtschaft werden Repartierungsverfahren allerdings teilweise mit großer Sorge gesehen und Priorisierungsverfahren deutlich bevorzugt.
DIHK-Impulspapier: DIHK-Impulspapier: Zukunftssichere Netzanschlüsse
Weitere Informationen zu Netze BW: Netzanschluss Nieder-/Mittel-/Hochspannung: Vergabeverfahren | Netze BW GmbH
Weitere Informationen zu den E.ON-Töchtern Bayernwerk Netz, e.dis und SH Netz: Kriterienbasiertes Zuteilungsverfahren für Netzanschlusskapazitäten