Die Studie untersucht den zukünftigen Bedarf an Transportinfrastruktur für abgeschiedenes Kohlendioxid (CO₂) in Deutschland. Im Fokus stehen insbesondere Zement- und Kalkwerke sowie Anlagen der thermischen Abfallbehandlung. Die Studie kommt zu dem Ergebnis, dass der Aufbau eines flächendeckenden CO₂-Pipelinenetzes für viele Industriestandorte nicht rechtzeitig erfolgen wird und daher auf multimodale Transportlösungen angewiesen ist.
Die im Auftrag der Carbon Management Allianz erstellte Prognos-Studie analysierte 164 deutsche Standorte aus den Branchen Zement, Kalk und thermische Abfallbehandlung. Diese Anlagen emittieren zusammen rund 52 Mio. Tonnen CO₂ jährlich und verursachen damit etwa acht Prozent der deutschen Treibhausgasemissionen. Für einen Großteil dieser Emissionen stehen nach Einschätzung der Studie keine hinreichenden alternativen Vermeidungsoptionen zur Verfügung, sodass CO₂-Abscheidung sowie anschließender Transport und Speicherung erforderlich werden.
Der Transportbedarf für abgeschiedenes CO₂ wird laut Studie schrittweise ansteigen. Für die frühen 2030er Jahre wird ein Bedarf von rund fünf Mio. Tonnen CO₂ pro Jahr prognostiziert. Bis Ende der 2030er Jahre könnte dieser auf 26 Mio. Tonnen anwachsen und langfristig etwa 32 Mio. Tonnen jährlich erreichen. Werden weitere Industriesektoren sowie CO₂-Entnahmetechnologien berücksichtigt, fallen die Mengen noch höher aus.
Die Studie betrachtet zwei mögliche Entwicklungspfade:
- CO₂-Kernnetz (Pipelinefokus):
Aufbau eines möglichst frühzeitigen Pipelinenetzes mit Ausgangspunkt im Rhein-Ruhr-Raum und Anbindung an den Rotterdamer Hafen über den Delta-Rhein-Korridor. Das Netz soll schrittweise auf weitere Regionen Deutschlands ausgeweitet werden. - Multimodales Szenario:
In der Anfangsphase erfolgt der CO₂-Transport überwiegend per Schiene zu Sammelpunkten, Häfen oder Hubs. Pipelines werden erst in späteren Ausbauphasen ergänzt.
Die Anfangsinvestitionen fallen im multimodalen Szenario deutlich geringer aus. Für die erste Ausbauphase werden Investitionen von rund 1,1 Mrd. Euro veranschlagt, gegenüber etwa 2,3 Mrd. Euro im Kernnetz-Szenario. Langfristig erreicht das Pipeline-Szenario zwar höhere Transportkapazitäten, erfordert jedoch mit rund 30 Mrd. Euro auch deutlich höhere Gesamtinvestitionen als das multimodale System mit rund 11 Mrd. Euro.
Ein zentrales Ergebnis der Studie ist, dass Schienenverkehre für den Markthochlauf des Carbon Managements unverzichtbar sind. Da Pipelines in den frühen Ausbaustufen nur begrenzt verfügbar sein werden, könnte die Schiene laut Prognos in der Anfangsphase bis zu 77 Prozent der CO₂-Transportmengen übernehmen. Mit zunehmendem Ausbau des Pipeline-Netzes sinkt dieser Anteil zwar, verbleibt jedoch auch im Zielbild bei 13 bis 22 Prozent.
Besonders für Industrieanlagen in Süd-, Mittel- und Ostdeutschland, die mittelfristig keinen direkten Pipelineanschluss erhalten dürften, stellt die Schiene laut Studie die einzige realistische Transportoption dar. Zudem verweist die Carbon Management Allianz darauf, dass ein erheblicher Anteil potenzieller CO₂-Mengen an Standorten anfällt, die mehr als 40 Kilometer von den derzeit geplanten Pipelinekorridoren entfernt liegen.
Die Studie betrachtet auch die Kosten der CO₂-Vermeidung. Diese liegen derzeit für viele Standorte bei rund 78 Euro je Tonne CO₂ und damit bereits oberhalb des aktuellen Preisniveaus im europäischen Emissionshandel. Bis 2040 könnten die Kosten nach den zugrunde gelegten Projektionen auf etwa 174 Euro pro Tonne steigen; langfristig werden Werte von bis zu 250 Euro pro Tonne genannt.
Als wesentlichen Einflussfaktor identifiziert Prognos die Ausgestaltung der Infrastrukturplanung und Governance. Ein koordinierter Ausbau entlang festgelegter „No-regret-Korridore“ könne Investitionsrisiken senken und dadurch die Finanzierungskosten reduzieren. Dagegen drohten bei einem ausschließlich projektgetriebenen Ausbau höhere Risikoprämien und damit höhere Gesamtkosten.
Handlungsempfelungen
Die Autoren formulieren fünf zentrale Empfehlungen:
- Priorisierung und politisch verbindliche Festlegung von CO₂-Korridoren mit hoher Emissionsdichte.
- Ausrichtung von Förderinstrumenten auf diese Korridore sowie auf multimodale Transportlösungen.
- Aufbau mindestens eines multimodal angebundenen CO₂-Hubs an der Nordsee.
- Einführung von Absicherungs- und De-Risking-Instrumenten für frühe Investitionsprojekte.
- Institutionalisierte Koordination zwischen Bund, Ländern, Industrie und europäischen Partnerstaaten einschließlich einer verbindlichen Roadmap.
Zur Pressemitteilung und Studie: https://www.prognos.com/de/projekt/aufbau-finanzierung-co2-infrastruktur-deutschland