Monitoringbericht zur Entwicklung des europäischen LNG-Marktes

Der neueste Monitoringbericht der ACER gibt einen Überblick über den weiter wachsenden LNG-Weltmarkt und die Auswirkungen der geschlossenen Straße von Hormus darauf. Der Bericht verdeutlicht, welche Risiken sich für LNG-Preise, Lieferketten und Beschaffungsstrategien bei einer andauernden Blockade ergeben könnten, und unterstreicht die Bedeutung der fortschreitenden Dekarbonisierung für die europäische Energiesicherheit und –resilienz.

Seit Februar 2022 vollzieht sich bei den EU-Gasimportquellen ein Wandel. Während im Rahmen des RePowerEU-Plans bis 2027 auf russisches Flüssig- und Pipelinegas weitestgehend verzichtet werden soll, orientieren sich die Mitgliedstaaten verstärkt in Richtung Flüssiggas (LNG) als Ersatzimportprodukt. Im vierten Jahr dieser Verschiebung ist der Anteil von Flüssiggas an den gesamten Gasimporten der EU bei rund 50 Prozent angelangt. Die Abkehr vom russischen Gas und wachsende Diversifizierung der Importquellen dienen laut Report der Erhöhung der Energiesicherheit innerhalb der EU, jedoch birgt die wachsende Orientierung an den volatilen LNG-Weltmärkten in der aktuellen geopolitischen Situation gleichzeitig das Risiko, neue Abhängigkeiten entstehen zu lassen. Dies zeigt der Monitoringreport der EU-Agentur für die Zusammenarbeit der Energieregulierungsbehörden (ACER) für das Jahr 2026, welcher besonderen Fokus auf die Krise in Nahost und die Blockade der Straße von Hormus legt.  

Laut Report war die EU im Jahr 2025 mit 146 Mrd. Kubikmetern der größte LNG-Importeur weltweit. Dabei stiegen die Importe gegenüber dem Vorjahr um rund 30 Prozent. Auch stieg die globale Produktion von LNG um 36 Mrd. Kubikmeter, in der globalen Investitionspipeline sind darüber hinaus bereits heute weitere 90 Mrd. Kubikmeter an LNG-Produktionsanlagen bewilligt. Die Preise am Spotmarkt betrugen dabei zwischen 30–50 Euro/MWh, stiegen jedoch im März als Folge der Spannungen in Nahost zwischenzeitlich auf mehr als 70 Euro/MWh

Insgesamt stellt die Blockade der Straße von Hormus einen externen Schock mit signifikanter Wirkung dar. So fallen durch die Blockade Katar und die VAE derzeit als Exporteure aus – beide decken rund 20 Prozent (112 Mrd. Kubikmeter) des globalen Flüssiggasangebotes. Sollte sich diese Blockade für das gesamte Jahr fortsetzen, rechnet ACER mit einem Netto-Angebotsdefizit von etwa 27 Mrd. Kubikmetern auf dem Weltmarkt im Vergleich zum Vorjahr. Für die EU-Mitgliedstaaten ergeben sich daraus folgende Risiken: 

  • Höheres Risiko durch Spotmarkt-Abhängigkeiten: ACER geht bei einer andauernden Blockade der Straße von Hormus davon aus, dass die EU-Spot-LNG-Nachfrage von den ursprünglich für 2026 prognostizierten ca. 40 Mrd. Kubikmeter auf etwa 56 Mrd. Kubikmeter steigen wird. Gleichzeitig wird eine verringerte LNG-Verfügbarkeit zu einer Intensivierung des globalen Wettbewerbs um verfügbare LNG-Spotladungen führen, und somit die Preisspirale wohl weiter ankurbeln. Somit besteht das Risiko, dass EU-Abnehmer durch die steigende Spotmarktorientierung höhere Preise zahlen werden müssen.
  • Importabhängigkeiten: Bereits 2025 stammten etwa 58 % der LNG-Importe aus den USA. Der Wegfall von Katar und den VAE als Lieferanten verschärft die Abhängigkeit von einem Lieferland, welche sich unter Umständen negativ auf die Versorgungssicherheit auswirken können.

Als Folge des angebotsseitigen Defizits müssten laut Report Anpassungen auf der Nachfrageseite erfolgen. Um die Nachfrage zu reduzieren, griffen Länder dabei u. a. auf Kampagnen oder konkrete Maßnahmen zur Gaseinsparung zurück (die Internationale Energieagentur (IEA) kartiert alle weltweit ergriffenen Maßnahmen zur Reaktion auf die derzeitige Energiekrise in ihrem Energy Crisis Policy Response Tracker). 

Zentrale Empfehlungen des Berichts 

Ausgehend von der Analyse hebt der Report die Relevanz einer erfolgreichen Dekarbonisierung und der Einhaltung der REPowerEU-Ziele angesichts der geopolitischen Spannungen hervor. Um die Abhängigkeiten der europäischen Energieversorgung bei künftigen externen Schocks zu reduzieren, werden darüber hinaus drei zentrale Empfehlungen formuliert. 

  1. Energieeinsparung und -effizienz: Wie bereits beschrieben, ist die gezielte Gasnachfragesenkung ein möglicher Schlüssel für eine geringere Verwundbarkeit des Energiesystems. Die aktuelle Situation unterstreicht die Notwendigkeit der Dekarbonisierung auf der Angebotsseite.
  2. Beschleunigter Ausbau erneuerbarer Energien: Die Bereitstellung von erneuerbaren Energien soll gefördert werden, um die Abhängigkeiten von importierten fossilen Brennstoffen zu reduzieren und die Resilienz zu stärken.
  3. Diversifizierung der Versorgungsquellen und -routen: Es muss weiterhin sichergestellt werden, dass Europa nicht von einem einzelnen Lieferland, einem einzigen Transitkorridor oder einem spezifischen Konflikt abhängig ist, damit das Energiesystem und die Wirtschaft nicht so leicht destabilisiert werden können.

Des Weiteren geht der Report davon aus, dass der europäische LNG-Bedarf durch die Dekarbonisierung in den kommenden Jahren deutlich zurückgehen wird. So wird die aktuell noch bestehende vertragliche Abnahmelücke mit einem Volumen von 54 Mrd. Kubikmetern im Jahr 2025 bald geschlossen sein – ab 2029 geht die Prognose von einem Überschuss aus (2029: 20 Mrd. Kubikmeter). Unternehmen sollten daher bei neuen LNG-Verträgen auf ausreichende Flexibilität achten, um finanzielle Risiken durch feste Abnahmemengen („Overcontracting“) zu vermeiden. 

Der vollständige Report ist hier abrufbar: Analysis of the European LNG market developments