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Türkei

Türkei - hohe Wachstumszahlen in 2017

Der autokratisch geprägte Kurs Erdogans führt zu Unsicherheiten bei den Unternehmen in Mainfranken.

„Jede Unruhe ist nicht gut“, so bezeichnete ein Firmenvertreter aus Mainfranken die durch Terrorgefahr, politische Unsicherheit und den Putschversuch und dessen Folgen geprägte Situation in der Türkei.

Der IHK Würzburg-Schweinfurt sind 168 Firmen unterschiedlicher Größe und Branchenausrichtung bekannt, die in die Türkei exportieren, 53 Firmen beziehen Waren aus der Türkei und 15 Firmen unterhalten Niederlassungen oder gar Produktionsstätten in der Türkei.

Kurt Treumann, Bereichsleiter International der IHK befragte einzelne mainfränkische Unternehmensvertreter, die sich mit dem Türkeigeschäft befassen. Unisono äußerte man sich, dass derzeit ein Rückgang des Türkeigeschäfts nicht zu bemerken ist. In dem einen oder anderem Fall wird aber darüber nachgedacht, geplante Geschäftsreisen in die Türkei aufgrund der Sicherheitslage zu verschieben oder gar abzusagen. Verzollungsvorgänge in der Türkei sind wie gehabt derzeit problemlos. Nur in Einzelfällen wird über Probleme bei der Einfuhr von Waren in der Türkei berichtet. Im täglichen Beratungsgeschäft der IHK  ist die Türkei wenig Thema. Hier geht es derzeit vielmehr um andere Märkte und Themen, wie China, Indien, USA, Südkorea, der Exportkontrolle oder dem richtigem Umgang mit der Umsatzsteuer im innergemeinschaftlichen Warenverkehr.

Bisher gute Performance bayerischer Exporte in die Türkei 
In der Türkei sind 6.800 Unternehmen mit deutscher Beteiligung aktiv. So ist Deutschland größter ausländischer Investor in der Türkei und ein wichtiger Handelspartner. Die fast 3 Millionen in Deutschland lebende Menschen mit türkischer Herkunft, von denen etwas mehr als die Hälfte die deutsche Staatsangehörigkeit besitzen, sind ein bedeutender Faktor in den bilateralen Beziehungen.

Optionen offen lassen
In den letzten 20 Jahren entwickelte sich die Türkei zu einem wichtigen politischen und wirtschaftlichen Partner für die gesamte EU. Auch wenn die weiteren Entwicklungen des neuen autoritär geprägten Kurses der Türkei schwer abzuschätzen sind, ist doch die richtige wirtschaftliche Handlungsweise, dass man an den Kontakten mit der Türkei festhält. Damit werden alle Optionen offen gehalten. Die Türkei ist ungebrochen ein interessanter Markt. Die Türkei ist nicht nur als Absatzmarkt für sich interessant. Das Land ist auch als Standort für Produktion und weitergehende Exporte nach Asien und in den Nahen Osten bestens geeignet.

Wirtschaftliche Lage

Die türkische Wirtschaft legte in den ersten drei Quartalen 2017 mit 7,4 Prozent ein starkes Wachstum hin und übertraf die Erwartungen deutlich. Für 2018 erwartet Coface 5,2 Prozent. Der Kreditversicherer Coface sieht aber weiter Schwachpunkte und Risiken: zunehmende Abhängigkeit von globalen Finanzinvestoren, schwankende Wechselkurse und steigende Inflation.

Laut dem türkischen Statistikamt (TÜIK) stieg das Bruttoinlandsprodukt (BIP) auch im dritten Quartal 2017 um 11,1 Prozent und ist damit so kräftig wie seit sechs Jahren nicht mehr gewachsen. Unmittelbar nach dem Putschversuch war die türkische Wirtschaft noch um 0,8 Prozent geschrumpft. Doch auch im Vergleich zur ersten Jahreshälfte habe sich das Wachstum mehr als verdoppelt, hieß es.

Sowohl der private Konsum als auch Investitionen und Exporte legten diesmal zu. Angetrieben wird die Konjunktur laut TÜIK insbesondere vom Bausektor (+ 18,7 Prozent) und den Dienstleistungen (+ 20,7 Prozent). Die Exporte nahmen um 17,2 Prozent und die Importe um 14,5 Prozent zu.

Experten bewerten das starke Wachstum allerdings kritisch. Es beruht zu großen Teilen auf billigen Krediten und dem anhaltenden Bauboom, den der Staat durch Investitionen kräftig ankurbelt. Auch neue Steuerregeln und ein Kreditgarantiefonds befeuern derzeit die türkische Konjunktur.

Zusatzzölle und Erfordernis eines IHK-Ursprungszeugnisses zusätzlich zur A.TR

Bereits seit längerem erhebt die Türkei bei der Einfuhr bestimmter Waren Zusatzzölle. Die Höhe der Zusatzzölle ist je nach Ware und Warenursprung unterschiedlich.

Um den Ursprung feststellen zu können, forderte der türkische Zoll bei der Einfuhr bestimmter, bereits in der EU verzollter Waren in die Türkei des Öfteren zusätzlich zur Vorlage der zollamtlichen Freiverkehrsbescheinigung A.TR die Vorlage eines IHK-Ursprungszeugnisses (IHK-UZ).

Mit der Verordnung 2017/4 stellt die Türkei die bislang informelle Praxis der Vorlage eines IHK-UZ trotz A.TR nun auf eine formale Rechtsgrundlage.

Danach gilt für Waren, die Gegenstand eines Zusatzzolls sind:

 

  • Bei Warenursprung „EU“ oder „Türkei“: Der Zusatzzoll entfällt bzw. die Zollfreiheit wird gewährt, sofern die Waren mit einer A.TR eingeführt werden und der Ursprung bei der Einfuhranmeldung mit einer Exporteurserklärung (“İhracatçı Beyanı”) oder eine Lieferantenerklärung nachgewiesen wird. Diese Exporteurserklärung ist von der IHK nicht zu bescheinigen. Der Nachweis per Exporteurserklärung oder Lieferantenerklärung (LE) ist nur bei Warenursprüngen „EU“ oder „Türkei“ möglich.
  • Bei Warenursprung „Drittland“. Hier ist zusätzlich zur A.TR immer ein IHK-Ursprungszeugnis vorzulegen. Die Höhe des Zusatzzolls richtet sich nach dem entsprechenden Ursprungsland und kann variieren. Der Nachweis per IHK-UZ ist auch bei Warenursprüngen „EU“ oder „Türkei“ (alternativ zur Exporteurserklärung oder LE) möglich.

 

Die Verwendung eines IHK-UZ oder einer LE bietet sich bspw. in Fällen an, in denen ein Unternehmen keine Exporteurserklärung abgeben möchte, um z.B. den Hersteller nicht zu nennen.

Allerdings regelt die Verordnung weiter, dass bei Waren, die mit einer A.TR und einer Exporteurserklärung zur Einfuhr angemeldet werden, risikobasierte Kontrollen jeder Art stattfinden dürfen. Sollte der Exporteur nicht mit dem türkischen Zoll zusammenarbeiten, darf der türkische Zoll nachträglich ein IHK-Ursprungszeugnis verlangen.

Wareneinfuhr mit Warenverkehrsbescheinigung A.TR

Im Zusammenhang mit elektronischen Warenverkehrsbescheinigungen aus der Türkei fordern die EU-Zollbehörden zusätzlich eine Unterschrift der türkischen Zollbehörden.

Weitere Informationen finden Sie auf unserer News-Seite.

Update September 2018:

Im Zusammenhang mit elektronischen Warenverkehrsbescheinigungen aus der Türkei für den Zeitraum vom 24. April 2018 bis zum 12. Juli 2018 verzichtet die Zollverwaltung auf eine vollständige Dokumentenkontrolle aller Zollanmeldungen. Wie berichtet, stellt die Türkei seit April 2018 Warenverkehrsbescheinigungen in einem  elektronischen Verfahren aus. Die Dokumente werden nach Gesprächen zwischen der Europäischen Kommission und der türkischen Zollverwaltung seit Juli 2018 zusätzlich von der türkischen Zollverwaltung unterschrieben, um so von den europäischen Zollverwaltungen anerkannt werden zu können. Die deutsche Zollverwaltung mitgeteilt, dass für die Dokumente, die im Zeitraum vom 24. April 2018 bis zum 12. Juli 2018 elektronisch erstellt und nicht zusätzlich unterschrieben wurden, lediglich eine nachträgliche risikobasierte Prüfung von Stichproben erfolgt.

Absturz der Lira erhöht den Druck in der Türkei

Besorgt hat sich Volker Treier, Außenwirtschaftschef des Deutschen Industrie- und Handelskammertages (DIHK), zum rapiden Kursverlust der türkischen Lira geäußert. Noch zögen sich die vor Ort aktiven deutschen Unternehmen jedoch nicht aus dem Land zurück.

Die deutschen Betriebe seien durch den in den letzten beiden Jahren entstandenen Vertrauensverlust verunsichert, sagte Treier. "Die Unternehmen warten ab, ziehen sich jedoch noch nicht aus dem Land zurück – auch wenn der Verfall der türkischen Lira notwendige ausländische Vorleistungen und Lieferungen aktuell erheblich verteuert."

Der weitere Absturz der Währung werde den Druck allerdings erhöhen, vermutet Treier. Die Attraktivität der Türkei als Investitionsstandort und Exportmarkt mache sich an den Faktoren Rechtssicherheit, Unabhängigkeit der türkischen Zentralbank sowie der Stabilität der Zahlungsbilanz fest. "Hinter allen drei Kriterien setzen Investoren derzeit große Fragezeichen."

Entscheidend sei, dass wieder Vertrauen hergestellt werde, betonte der DIHK-Außenwirtschaftschef. Dass die Konjunktur mit niedrigen Zinsen angekurbelt werde, könne kein Dauerzustand sein. Als Folge seien hohe Inflationsraten und eine sinkende Kaufkraft zu befürchten.

Im Handel machten sich die Folgen bereits bemerkbar: "Die deutschen Exporte sind im ersten Quartal 2018 gegenüber demselben Zeitraum 2017 noch um 8 Prozent gestiegen", berichtete Treier. "Seit dem zweiten Quartal gibt es aber eine Negativentwicklung – in den letzten drei Monaten sind die Ausfuhren rückläufig." Zudem verzeichneten deutsche Unternehmen vor Ort eine Zunahme von Handelshemmnissen.

Wichtig wäre nach Einschätzung des DIHK-Außenwirtschaftschefs jetzt, "dass die Türkei ein klares Bekenntnis zur Fortführung der Zollunion mit der EU nach bisherigem Muster aussendet und dass die dortige Zentralbank von politischer Kontrolle befreit bleibt".

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