07.09.2017 - 09:28 Uhr

Wirtschaftskammern zum Würzburger Luftreinhalteplan

„Umweltzone ist keine Lösung“

© Getty Images/iStockphoto / disqis

© Getty Images/iStockphoto / disqis

Würzburg – Die IHK Würzburg-Schweinfurt und die Handwerkskammer für Unterfranken engagieren sich für saubere Luft in der Stadt Würzburg. Bereits 2015 verabschiedeten die Wirtschaftskammern den „Würzburger Pakt zur Luftreinhaltung“, der Eingang in den Maßnahmenkatalog des Entwurfs zur zweiten Fortschreibung des Luftreinhalteplans der Stadt Würzburg gefunden hat.

Die Wirtschaftsvertreter, die für insgesamt rund 11.400 Unternehmen in Würzburg sprechen, sehen die nun vorliegenden Vorschläge für eine bessere Luftqualität in der Stadt Würzburg kritisch. Zugleich begrüßen die Kammern aber die jüngsten Bestrebungen der Kommune, öffentliche Fördermittel zu akquirieren.  

Folgen für Handel, Tourismus und Handwerk beachten  

„Es ist richtig: Die innerstädtische Aufenthalts- und Lebensqualität muss gesichert sein. Zugleich muss die Stadt aber auch den Funktionen des Oberzentrums Würzburg als Wirtschafts-, Handels- und Infrastrukturknotenpunkt in Mainfranken und darüber hinaus Rechnung tragen.“, betont Jürgen Bode, stellvertretender Hauptgeschäftsführer der IHK Würzburg-Schweinfurt. Die Erreichbarkeit von Zentren für den Individual- und Lieferverkehr sei zum Beispiel für den stationären Handel, Gastronomie, Hotellerie und Freizeitanbieter, Dienstleister und Daseinsvorsorgeeinrichtungen überlebenswichtig und damit für eine lebendige Stadt unerlässlich.  

„Handwerker müssen ihre Kunden erreichen können. Die Bürger und Unternehmen der Stadt Würzburg sind auf die Waren und Dienstleistungen des Handwerks vor Ort zur Sicherung ihrer Versorgung angewiesen“, betont Rolf Lauer, Hauptgeschäftsführer der Handwerkskammer für Unterfranken.   Beide Wirtschaftskammern verweisen mit Nachdruck darauf, die Auswirkungen der geplanten Maßnahmen auf die Zukunft des Wirtschaftsstandortes Würzburg zu berücksichtigen.  

Umweltzone wirkungslos und schadhaft  

Eine Umweltzone sei mit Blick auf ihre geringe schadstoffreduzierende und zugleich regionalwirtschaftlich schädigende Wirkung unverhältnismäßig, betonen IHK und Handwerkskammer. Diverse Studien, auch aus Städten, die bereits Umweltzonen eingeführt haben, würden zeigen, dass sich der Verkehr meist nur räumlich verlagert. Hierdurch verlängern sich Wege, Emissionen sinken kaum, unter Umständen erhöhen sie sich sogar. Außerdem heben sich die erwarteten positiven Effekte einer Umweltzone laut offizieller Angaben bis 2020 ohnehin beinahe flächendeckend in Würzburg auf. Ein Ende August 2017 veröffentlichter Bericht des Umweltbundesamtes geht zudem davon aus, dass durch die auf dem Diesel-Gipfel beschlossenen Maßnahmen in einigen Städten voraussichtlich die geltenden Grenzwerte zukünftig eingehalten werden könnten. Auch relativiert sich der Effekt durch sinnvolle geplante Maßnahmen zur Verkehrsentlastung, wie etwa eine zweispurige Zufahrt zur B19 am Greinberg oder den Bau der B26n.  

Die Wirkung einer Umweltzone dürfte nach Meinung der Wirtschaftskammern also mutmaßlich noch weit unterhalb der erwarteten Effekte liegen. Im Gegensatz würden aus ihrer Sicht aber Bürger, Pendler, Besucher sowie Unternehmen beeinträchtigt. Dies finde aktuell in der Folgenabschätzung keine Berücksichtigung: „Insbesondere aus den umliegenden Landkreisen sind Ausweichverkehre zu erwarten, etwa aus den Landkreisen Main-Spessart und Kitzingen. Maßnahmen, die den Verkehrsablauf verbessern, wären besser als eine Umweltzone.“, erklärt Bode.

Politischer Aktionismus und Emotionen deplatziert  

Handwerkskammer-Hauptgeschäftsführer Lauer mahnt trotz des emotionalen Themas zur Sachlichkeit: „Wir wollen eine faktenbasierte Diskussion zur Umweltzone. Alle wollen saubere Luft. Man muss aber zwischen wirkungsvollen Maßnahmen und Augenwischerei unterscheiden.“

  Gesamtverkehrsmanagementkonzept notwendig  

Viele Maßnahmen – etwa ein attraktiverer ÖPNV oder Park-&-Ride- sowie Bike-&-Ride-Angebote – halten IHK und Handwerkskammer für sinnvoll. Dennoch sprechen sich beide Wirtschaftskammern zunächst dafür aus, ein ganzheitliches Gesamtverkehrsmanagementkonzept mit Blick auf aktuelle Themen und Trends – von Luftreinhaltung bis Sharing Economy – zu initiieren und dies auch zu kommunizieren. „Unternehmen berichten uns häufig, dass in ihrer Wahrnehmung die verkehrspolitischen Belange in Würzburg oftmals wie Stückwerk wirken. Was fehle, sei eine verkehrspolitische Vision und eine ganzheitliche Betrachtungsweise. Beides bleibt der Maßnahmenkatalog zur Fortschreibung des Luftreinhalteplanes leider schuldig.“, so IHK-Standortexperte Dr. Sascha Genders. Das „System Stadtverkehr“ sei eng vernetzt, so dass Maßnahmen an einer Stelle stets zu Auswirkungen an anderer Stelle führen. Nur wenn diese Folgewirkungen insgesamt hinsichtlich baulicher und umweltspezifischer Belange betrachtet werden, man Effekte konkret messen und verifizieren könne, sei man in der Lage, die Effektivität der Verkehrsträger auszureizen, den Verkehrsfluss zu verbessern und emissionsrelevante Warteverkehre zu reduzieren.  

Den Stellenwert eines verkehrsträgerübergreifenden Lösungsansatzes zeigt auch eine in den nächsten Wochen erscheinende Studie zum Thema „Shared Mobility in Mainfranken“, die das Zentrum für Regionalforschung (ZfR) der Universität Würzburg im Auftrag der IHK Würzburg-Schweinfurt erarbeitet hat und an der rund 1.000 Personen teilgenommen haben: „Auch Instrumente wie Car-Sharing oder Bike-Sharing machen nur dann Sinn, wenn sie multimodal genutzt werden können. Auch der Ausbau des ÖPNV ist hierbei ein wichtiger Bausteinen“, beschreibt Dr. Genders ein zentrales Ergebnis der Studie.  

Bisherige Maßnahmen nicht vergessen  

Die Kammern mahnen an, die bereits realisierten Maßnahmen bei der ersten Fortschreibung des Luftreinhalteplans nicht zu vernachlässigen. „Unserer Ansicht nach lohnt es sich, zuerst bereits seit langem bestehende und möglicherweise deutlich effektivere, jedoch noch nicht finalisierte Themen anzugehen.“, betont Handwerkskammer-Hauptgeschäftsführer Lauer unter Verweis auf den zügigen Start der B 26n. Auch die neue Straßenbahn-Linie 6 sei laut Lauer hier explizit zu nennen. Bode hält es außerdem für sinnvoll, Maßnahmen sinnvoll zu priorisieren und für alle transparent zu überwachen. Dies ermögliche es, die Umsetzungsschritte und Effekte objektiv bewerten zu können.

 

Information:
Dr. Sascha Genders
Tel.: 0931 4194-373
E-Mail: sascha.genders@ wuerzburg.ihk.de